
Freundchen wo stehst du? fragt mich der Jonas Geise in meiner Vorstellung, wenn er mir ein Bild zeigt. Das würde er mich fix nicht fragen, sagt mir der echte Jonas Geise und lacht. Da das ein Text zu „Sterne, Welten, Clubmitglieder“ werden sollte, muss ich in meiner Vorstellung bleiben. Die Frage bleibt. Natürlich habe ich keine Antwort. Wo sind wir in den Bildern und was gibt uns Halt?
Im Raum? ja recht sicher. Aber wie weiter? Sind wir im Abbild einer Emotion; im Ruminieren eines Lebensgefühls [uff Expressionismus]; ist eine letzte Zuflucht im kunstgeschichtlichen Detail, in einem Hintergrund von Magritte, gefunden? Seelische Antezedense, Ursuppen, wo die Zustände noch voneinander ungeschieden [Ovid vielleicht] bzw. wiedervereint sind, wollen wir die im Bild finden? Die Texte stecken uns die Madeleines [Marcel Proust] so oft in den Mund, dass man einen schalen Geschmack im Mund [Gerhard Polt] bekommt. Die unwillkürliche Erinnerung möchte man gar nicht mehr runterkriegen.
Vielleicht vom Material her einsteigen. Wir folgen einer Evolution, der Maler als erster Beweger [ ;) ] setzt den Impuls, die Maschine in Gang, den Lauf kann er selbst nicht mehr kontrollieren. Ein Farbton ergibt den nächsten, ein Pinselstrich rechtfertigt den anderen [yay! Duktus], die Bilder erschaffen sich quasi von selbst. Dem realen Jonas Geise würde das gefallen. Der ausgedachte Jonas Geise gibt sich nicht so leicht zufrieden, weiter pocht er auf Antworten. Wo. Stehst. Du.
Der Farbverlauf ist ja seit immer schon Teil der Malerei. Sfumato von einem Detail glatt ins nächste rüber. Aber wann sehen wir einen Farbverlauf schon nackt? So plötzlich frei und nicht dem Dargestellten dienend? Vielleicht ein Lidschatten. Zu schnell denkt man an frühe Digital Art, aus einer Zukunft, die Jahre her ist. Irgendwie enden wir immer in Widersprüchen. Gehen wir das jetzt an wie eine Sprache – alles hat nur eine Bedeutung dadurch, dass es alles andere nicht ist [basic Saussure] – dann hätten wir die Hälfte vielleicht schon bald durch. Es ist zu mühsam, die Holzwege hält man ja nicht aus.
Wie verbleiben wir? Sollen wir uns begnügen, mit dem mysteriösen Drängen zum Bild [Samuel Beckett]? Nur was menschlich ist, interessiert uns, und alles, was menschlich ist, verändert sich. Bloß Dinge in Bewegung halten uns; die Krisen, die Übergänge, das Erzählende und das Haltlose. Wären sie menschlich, würden uns Ursuppen, Seelen und autonome Evolutionen interessieren; vielleicht sogar Berge. Aber so nicht. Über Natur und Seelen gibt es kein Gossip. Wenn einer Berge malt, legt sich eine neue transparente Schicht getroffener Entscheidungen über die Landschaft. Über Bergemaler kann man tratschen. Nur so hält man ihre Bilder aus.
Man nehme an, es gäbe einen Schriftsteller auf Weltreise, komfortabel und selbstgenügsam im eigens konstruierten Wohnmobil. Die Vorhänge seiner fahrenden Schreibstube wird er niemals öffnen. Grand Tour, um nichts von der Welt zu sehen. Aber gezwungenermaßen dringen die Fragmente von draußen in die Isolation vor und der Autor setzt sie zu Geschichten zusammen, die er nirgendwo finden könnte. Das ist die Lage.
Als Schlagzeuger kennt Jonas Geise seine Rudiments genau und weiß, wie Variationen im Kleinen, in den Bausteinen, das komplexe Ganze verändern. Er gibt uns die Bausteine und spielt mit unseren Bedürfnissen von Teil und Ganzem. Fragmente enthalten alles, sie reißen die Themen an, die uns im Kern ausmachen. Kannst du stehen? wenn man schwimmen ist, fragt das immer jemand. Wenn die Antwort ja ist, ist alles vorbei. Um zu existieren, muss etwas fehlen [ca. Brecht]. Das eigentliche Dilemma der bildenden Kunst ist, wie sich Veränderung darstellen lässt [wieder Beckett]. Die Malereien von Jonas Geise sind konstant in Bewegung, sie halten einen in Bewegung und geben gerade so viel Welt her, dass wir darin basal sein können. In seinen Räumen erzählen wir uns fragmentarische Geschichten über uns selbst, solange wir können [letztes Mal Beckett], aber Halt gibt uns nichts. Forever en pointe. Die Frage war von Anfang an falsch. Hier ist kein Rastplatz, Freundchen.
Exhibition duration: 12.03. - 15.05.2026
Photo: Valentin Czihak, Text: Martin Mlineritsch